Verzerrer-Arten

ich kenne sie alle

Eine freche Unterstellung, stimmt. Sie entspricht aber (mit einzelnen Ausnahmen) vermutlich der Wahrheit.

Klassifizierung

Grundsätzlich lassen sich Verzerrer in 4 Gruppen aufteilen. Auf diese Weise ist die Schaltung ebenfalls bereits praktisch vorgegeben.

Tubescreamer

Die Tubescreamer-Schaltung wurde und wird ungezählt kopiert. Natürlich mit Variationen – vermutlich nicht zuletzt um nicht irgendwelche Patente zu verletzen. Darum hat sich aber noch niemand so richtig geschert und das wird wohl auch so bleiben. Andere Dioden, Opamps und Klangregelstufen lassen die Tubescreamers ein wenig anders klingen. Basis sind jedoch immer der Opamp und zwei antiparallelle Dioden über Ein- und Ausgang des Opamps.

Tubescreamer-Schaltungsausschnitt

Distortions

Die Distortions basieren ebenfalls auf einem Opamp, jedoch sind die zwei antiparallellen Dioden am Ausgang des Opamps gegen Masse geschaltet. Wahlweise kommt auch hier noch eine zusätzliche Klangregelung hinzu sowie eine Bufferstufe am Ausgang. Stark vereinfachte Erklärung – aber Tatsache.

Distortion Prinzipschaltung

Kombinationen

Findige Entwickler kombinieren diese beiden Schaltungen und verwenden 4 Dioden: zwei über Ein- und Ausgang des Opamps und zwei am Ausgang gegen Masse.

Overdrive/Distortion von GeneralGuitarGadgets.com

In anderen Effektgeräten werden statt zwei gar drei oder mehr Dioden verwendet um eine asymmetrische Verzerrung zu erzielen oder einer Verzerrung, welche nur bei härterem Saitenanschlag Verzerrungen hervorrufen. Dies erhöht die Dynamik ungemein. Auch die Kombination von einer Siliziumdiode mit einer Germaniumdiode oder einer LED findet sich zur asymmetrischen Verzerrung. Ebenfalls werden dazu interne Diodenstrecken von Mosfets verwendet. Mit Um- und Drehschalter werden die wildesten Kombinationen erreicht. Das Resultat ist gar nicht so frappant anders wie man erwarten könnte.

Mir bekannte Exoten

Diskrete Schaltungen

Statt Opamps lassen sich auch diskrete Verzerrer bauen mithilfe von Transistoren, Mosfets oder JFET’s. Mit oder gar ohne Dioden. Das ZVEX Box of Rock ist ein typisches Beispiel für ein Mosfet-Distortion.

einfachster Verzerrer mit nur einem NPN-Transistor

CMOS Inverter Distortions

Electro-Harmonix und Way Huge verwenden zur Verzerrung digitale CMOS Inverter. Eine spannende Umnutzung dieser Bauteile. Das EHX Hot Tubes und das Way Huge red Llama sind klassische Beispiele.

CMOS-Distortion à la Craig Anderton

Poweramp Distortions

Ebenfalls werden kleine Poweramps, welche eigentlich kleine Radio-Lautsprecher antreiben sollten als Distortion-Einheit verwendet. Der EarthQuaker Devices Acapulco Gold mit dem LM386 ist ein gutes Beispiel dafür. Schön finde ich diese Verzerrung nicht mehr.

LM386 Grace Overdrive von Runoffgroove.com

Starved-Plate-Overdrives

Ein anderer Exot ist das Starved-Plate-Overdrive. Hier werden klassische Vorstufenröhren mit Niederspannung betrieben. Das Resultat ist eine nichtlineare Kennlinie, welche zu einer stark komprimierten Verzerrung führt. Der BK Butler (Chandler) Tube Driver, der Ibanez Toneking oder der Behringer Vintage Tube Monster.

Matsumin Valve Caster mit einer ECC82 (12AU7)

Nutube

Verzerrer mit Nutubes beruhen auf dem gewöhnlichen Triodenprinzip. Vorteile: Kommen mit kleinen Spannungen aus. Nachteile: vibrationsempfindlich. Verzerrt sehr schnell ohne cleaner Headroom, der hohe Innenwiderstand benötigt nachfolgende Impedanzwandlerstufe.

Beispiel einer Nutube Verstärkerstufe von KORG

Übertrager

Mithilfe von kleinen Übertragern, welche in die Sättigung getrieben werden, wurden ebenfalls schon Effektgeräte gebaut. Hudson Electronics Broadcast ist ein Beispiel dafür.

Ausschnitt aus einer Verzerrerschaltung mit Übertrager

Röhrenverzerrer

Zu guter letzt gibt es noch den Röhrenverzerrer, welcher mit hoher Spannung versorgt werden und wie eine Vorstufe in einem Röhrenverstärker werkelt. Eher unpassend für einen Livegig. Beispiel: Bad Cat 2Tone.

absichtlich verkleinertes Schema einer 4 stufigen Verzerrerschaltung

Fuzzes

Fuzzes existieren in verschiedene Grundschaltungen:

Maestro Fuzz FZ-1

Der erste Fuzz überhaupt. Mit 3V und etwas später der FZ-1A mit 1.5V betrieben.

Maestro Fuzz FZ-1A

Sola Tonebender

Mit drei PNP-Germanium-Transistoren für einen aggressiveren Sound. Dank 9V Spannung auch mit mehr Sustain.

Sola Tonebender Professional MKII

Dallas-Arbiter Fuzz Face

Basiert auf nur zwei Germanium- oder Silizium-Transistoren.

Dallas-Arbiter Fuzz Face

EHX Big Muff

Schaltung mit 4 Transistoren und 2×2 antiparallellen Dioden.

EHX Big Muff mit 4 2N5088

der heilige Gral?

Den gibt’s nicht. Ich habe viele Verzerrer aller Arten getestet und festgestellt: Ein bestimmter Verzerrer, welcher suuuper klang beim Kauf, kann einem nach einigen Monaten wieder verleiden. Er tönt nicht schlecht, sondern immer etwa gleich. Abhilfe: Mehrere Verzerrer kaufen und einsetzen, alte weglegen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aus dem Schrank ziehen. Nicht verkaufen, sonst trauerst du ihm später nach. Und: erst mal verschiedene Schaltungen testen, nicht verschiedene Tubescreamer von verschiedenen Herstellern.

Mein Fazit

Nicht mal die wunderschöne Verzerrung einer Endstufenröhre bleibt über Monate spannend. Das menschliche Gehör wird offenbar ermüdet. Die Vielfalt macht’s aus.

wenn’s unverzerrt nicht gut klingt, hilft der beste Verzerrer nichts.