Verzerrer-Arten
ich kenne sie alle
Eine freche Unterstellung, stimmt. Sie entspricht aber (voraussichtlich mit einzelnen Ausnahmen) der Wahrheit.
Klassifizierung
Grundsätzlich lassen sich Verzerrer in 4 Gruppen aufteilen.
- Overdrives, Tubescreamers (milde Verzerrung – respektive Übersteuerung)
- Maxon OD808
- Ibanez TS9
- Boss SD-1
- T-Rex Alberta
- MXR GT-OD
- …
- Distortions (härtere Verzerrung)
- MXR Distortion+
- ProCo RAT
- Boss DS-1
- T-Rex Mudhoney
- …
- Fuzzes (sägende Verzerrung)
- Maestro Fuzz-Tone FZ-1
- Arbiter Fuzz Face
- Electro-Harmonix Big Muff Pi
- Vox Tone Bender
- …
- exotische Schaltungen
- Way Huge Red Llama
- EHX Hot Tubes
- Ibanez Toneking
- «echte» Röhrenverzerrer
- …
Tubescreamer
Die Tubescreamer-Schaltung wurde und wird ungezählt kopiert. Natürlich mit Variationen – vermutlich nicht zuletzt um nicht irgendwelche Patente zu verletzen. Folglich hat sich noch niemand gestört und das wird so bleiben. Andere Dioden, Opamps und Klangregelstufen lassen die Tubescreamers ein wenig anders klingen. Basis sind jedoch immer der Opamp und zwei antiparall geschaltete Dioden über Ein- und Ausgang des Opamps.
Distortions
Die Distortions basieren ebenfalls auf einem Opamp, jedoch sind die zwei antiparallellen Dioden am Ausgang des Opamps gegen Masse geschaltet. Wahlweise kommt hier noch eine zusätzliche Klangregelung hinzu, sowie eine Bufferstufe am Ausgang. Stark vereinfachte Erklärung – aber Tatsache.
Kombinationen
Findige Entwickler kombinieren diese beiden Schaltungen und verwenden 4 Dioden: zwei über Ein- und Ausgang des Opamps und zwei am Ausgang gegen Masse.
In anderen Effektgeräten werden statt zwei gar drei oder mehr Dioden verwendet, um eine asymmetrische Verzerrung zu erzielen. Nur ein härterer Saitenanschlag ruft dann Verzerrungen hervor. Dies erhöht die Dynamik ungemein. Die Kombination von einer Siliziumdiode mit einer Germaniumdiode oder einer LED ergibt eine asymmetrischen Verzerrung. Ebenfalls werden dazu interne Diodenstrecken von Mosfets verwendet. Mit Um- und Drehschaltern werden die wildesten Kombinationen erreicht. Das Resultat ist gar nicht frappant anders, als man erwarten könnte.
exotische Schaltungen
Diskrete Schaltungen
Statt Opamps lassen sich dementsprechend diskrete Verzerrer bauen mithilfe von Transistoren, Mosfets oder JFET’s. Mit oder gar ohne Dioden. Das ZVEX Box of Rock ist ein typisches Beispiel für ein Mosfet-Distortion.
CMOS Inverter Distortions
Electro-Harmonix und Way Huge verwenden zur Verzerrung digitale CMOS Inverter. Eine spannende Umnutzung dieser Bauteile. Das EHX Hot Tubes und das Way Huge red Llama sind klassische Beispiele.
Poweramp Distortions
Ebenfalls werden kleine Poweramps, die sonst kleine Radio-Lautsprecher antreiben sollten, als Distortion-Einheit verwendet. Der EarthQuaker Devices Acapulco Gold mit dem LM386 ist ein gutes Beispiel dafür. Schön finde ich diese Verzerrung nicht mehr.
Starved-Plate-Overdrives
Ein anderer Exot ist das Starved-Plate-Overdrive. Hier werden klassische Vorstufenröhren mit Niederspannung betrieben. Das Resultat ist eine nichtlineare Kennlinie, die zu einer stark komprimierten Verzerrung führt. Der BK Butler (Chandler) Tube Driver, der Ibanez Toneking oder der Behringer Vintage Tube Monster.
Nutube
Verzerrer mit Nutubes beruhen auf dem gewöhnlichen Triodenprinzip. Vorteile: Kommen mit kleinen Spannungen aus. Nachteile: vibrationsempfindlich. Verzerrt schnell ohne cleaner Headroom, der hohe Innenwiderstand benötigt nachfolgende Impedanzwandlerstufe.
Übertrager
Mithilfe von kleinen Übertragern, die in die Sättigung getrieben werden, wurden ebenfalls schon Effektgeräte gebaut. Hudson Electronics Broadcast ist ein Beispiel dafür.
Röhrenverzerrer
Zu guter Letzt gibt es noch Röhrenverzerrer, die mit hoher Spannung versorgt werden und wie eine Vorstufe in einem Röhrenverstärker werkeln. Hier sind daher lebensgefährliche Spannungen in einem Effektpedal untergebracht. Eher unpassend und bei einen Livegig nicht ideal. Falls die hohen Spannungen nicht mithilfe von einem DC/DC-Wandler gemacht sind, muss noch das zusätzliche Gewicht vom Netztrafo in Kauf genommen werden. Beispiel: Bad Cat 2Tone.
Fuzzes
Fuzzes existieren in verschiedenen Grundschaltungen:
Maestro Fuzz FZ-1
Der erste Fuzz überhaupt. Mit 3V und etwas später der FZ-1A mit 1.5V betrieben.
Sola Tonebender
Mit drei PNP-Germanium-Transistoren für einen aggressiveren Sound und dank 9V Spannung mit mehr Sustain.
Dallas-Arbiter Fuzz Face
Basiert auf nur zwei Germanium- oder Silizium-Transistoren.
EHX Big Muff
Schaltung mit 4 Transistoren und 2×2 antiparallellen Dioden.
der heilige Gral? 🏆
Den gibt’s nicht. Wirklich nicht. Das garantiere ich! Ich habe viele Verzerrer aller Arten getestet und festgestellt: Ein bestimmter Verzerrer, der suuuper klang beim Kauf, kann einem nach einigen Monaten wieder verleiden. Er tönt nicht schlecht, sondern immer etwa gleich. Abhilfe: Mehrere Verzerrer kaufen und einsetzen, alte weglegen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aus dem Schrank ziehen. Nicht verkaufen, sonst trauerst du ihm später nach. Und: erst mal verschiedene Schaltungen testen, nicht verschiedene Tubescreamer von verschiedenen Herstellern.
Mein Fazit
Nicht mal die wunderschöne Verzerrung einer Endstufenröhre bleibt über Monate spannend. Das menschliche Gehör wird offenbar ermüdet. Die Vielfalt macht’s aus.
«wenn’s unverzerrt nicht gut klingt, hilft der beste Verzerrer nichts.»